Martin Eden - Filmforum Höchst

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Martin Eden

Über 100 Jahre nach seinem Tod 1916 wird Jack London fast nur mit Tier- und Abenteuerromanen in Verbindung gebracht, wie „Wolfsblut“, „Ruf der Wildnis“, „Der Seewolf“. Kaum jemand weiß noch, dass London Mitglied der Sozialistischen Partei der USA war und die Ungerechtigkeiten der Klassengesellschaft äußerst kritisch betrachtete. Der Titelheld seines autobiografisch gefärbten Romans Martin Eden von 1909 bezahlt den sozialen Aufstieg mit dem Verlust seiner Illusionen und seiner Liebe.
Der italienische Regisseur Pietro Marcello verfilmt dieses Werk neu und verlegt die Handlung nach Neapel und Umgebung. Auch ihr Zeitpunkt ist ein anderer, späterer. Aber er bleibt vage und scheint zwischen den Epochen zu schwimmen, mal wähnt man sich in den 1920er Jahren, dann könnten es die 1930er sein oder die Nachkriegsära. Der Titelheld selbst scheint manchmal über seine ohnehin diffuse Zeit hinauszublicken. Luca Marinelli wurde für die Hauptrolle auf dem Filmfestival in Venedig 2019 als bester Schauspieler ausgezeichnet. Der Matrose Martin hat im Hafen einen jungen Mann (Giustiniano Alpi) aus den Fängen eines rabiaten Wachmanns befreit. Zum Dank lädt der Sohn aus gutem Hause Martin zu sich ein. In der Villa der Familie Orsini entdeckt der Matrose die Lebensweise einer bürgerlichen Klasse, zu der er bislang keinen Zugang hatte. Wer hier verkehrt, liest Bücher, kennt die Gedichte von Baudelaire, fragt nicht, ob der Mann noch lebt. Wer hier zu Mittag isst, tunkt sein Brot nicht in die Sauce und erzählt nicht von der letzten Schlägerei.
Martin wird sich seiner mangelnden Bildung und Kultiviertheit schmerzlich bewusst und fasst augenblicklich den Plan, ein anderer Mensch zu werden.
Bei Marcello wirkt der Held wie auf einer Reise, auf der er sich, schließlich ist er ja Schriftsteller, auch selbst zusieht. Luca Marinellis Spiel hat etwas Vergeistigtes, es passt gut zu dieser leicht entrückten Atmosphäre. Besonders eindringlich stellt er dar, wie der Verlust der Träume Martin schließlich psychisch aushöhlt. Die Liebesgeschichte legt wenig Wert auf Leidenschaft und Romantik, aber so wird auch spürbar, dass sie eher in der Vorstellung als in der Realität lebt. Martin ist ein filmischer Held, der Einfühlungsvermögen verlangt.

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