Herr Bachmann und seine Klasse - Filmforum Höchst

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Herr Bachmann und seine Klasse

        
In ihrem Dokumentarfilm Herr Bachmann und seine Klasse zeigt Maria Speth den nicht alltäglichen Alltag einer Schulklasse in der deutschen Provinz. Dieser Film verwandelt einen Klassenraum in eine Weltbühne, macht die Schülerinnen und Schüler zu Stars auch ihres eigenen Lebens. Man fühlt, leidet und lacht. Mit Ferhan, die im Unterricht hinter dem tief in die Stirn gezogenen Kopftuch gerne mal ein Nickerchen einlegt. Mit Tim, der schon errötet, bevor er überhaupt drangenommen wird. Die rothaarige Regina wiederum scheint unentwegt irgendetwas zu kauen, Rabia musste schon häufiger die Schule wechseln. Nun findet ihre Wissbegierde endlich eine Heimat: in der Klasse 6b der Georg-Büchner-Gesamtschule im hessischen Stadtallendorf.
Für HERR BACHMANN UND SEINE KLASSE mischen sich Maria Speth und der Kameramann Reinhold Vorschneider unter die zwölf- bis 14jährigen Mädchen und Jungen. Stets bleibt die Kamera auf deren Augenhöhe, begleitet sie während der Monate, in denen sich entscheidet, für welchen Schulzweig sie am Ende des Jahres empfohlen werden. Eine zukunftsweisende, ja schicksalhafte Entscheidung. Mit unorthodoxen und unterhaltsamen Methoden versucht der Lehrer Dieter Bachmann, ihnen die Last von den Schultern zu nehmen, die sie bereits mit in die Schule bringen – und den Leistungsdruck mit sanfter Autorität zu minimieren, ohne ihn zu verdrängen. Auf die Ermutigungen kommt es an. Man könnte auch von einer Leidenschaft fürs Loben sprechen.
Zunächst ist da nur Bachmanns heisere Stimme: "Okay, zweiter Versuch." Weil Ilknur beim Eintreten ins Klassenzimmer geplappert hat, schickt Bachmann alle Kinder noch einmal vor die Tür. Dann wird gemeinsam geschaut, wer fehlt. Anastasia hat Stefi auf dem Hof gesehen und soll sie nun holen. Währenddessen blicken wir in müde Gesichter. Bachmann schlägt vor: "Okay, tauchen wir doch alle noch einmal ab." Es scheint sich um ein vertrautes Ritual zu halten, die Augen werden geschlossen und die Stirn auf Arme oder Pult gelegt. Rund zwanzig ruhende Köpfe. Ein berührender Anblick.
Nun erst schwenkt die Kamera zu Bachmann. Er ist Mitte sechzig und hat etwas von einem Freak, mit seinen farbenfrohen Häkelmützchen und dem AC/DC-Sweatshirt. Sicher hat er früher einmal einen Ohrring getragen. Auf seinem Schreibtisch herrscht beredtes Chaos: Spiele und Aktenordner sind übereinander getürmt, neben einem Plastikweihnachtsbaum steht eine Holzskulptur und stets griffbereit seine Gitarre.
Bereits in diesen ersten Szenen von Herr Bachmann und seine Klasse schwingt eine Utopie mit. Man bekommt eine Ahnung davon, was Schule auch sein kann. Oder was hinter dem Wort Schulklasse stehen mag: die Idee einer Gemeinschaft. Tagein und tagaus unterrichtet, lebt und streitet Dieter Bachmann mit beharrlicher Empathie für diese Idee.
Der englische Vokabeltest ist schlecht ausgefallen, die Schülerinnen und Schüler mit den besseren Noten sollen den anderen Nachhilfeunterricht geben. Der ohnehin grundgenervte Jamie fühlt sich nicht verantwortlich und hält diesen Vorschlag "auf gut Deutsch für Scheiße". Lehrer Bachmann insistiert, dass Hasan, Stefi und Mattia erst seit einem Jahr in Stadtallendorf lebten. Es sei schwer für sie, neben Deutsch noch eine weitere Fremdsprache zu lernen. Jamie hebt wieder den Finger, widerspricht noch einmal. Es sind kleine Zeichen einer lebendigen Diskussionskultur, Momente, die zeigen, dass es bei den Schülerinnen und Schüler keine Angst gibt, ihre Meinung zu äußern, auch dafür zu kämpfen.
Auch die Kamera bleibt beharrlich, springt unmittelbar in die Situationen hinein, beobachtet die Gesichter, registriert die Temperamente. Der Film zeigt die Klasse als ein Ensemble im wahrsten Sinne des Wortes. Als vielstimmige, vielschichtige Gruppe. Wenn der Unterricht ins Stocken gerät, wenn die Luft im Klassenzimmer zu dick wird oder auch wenn er selbst gerade keine Lust aufs Lehrersein hat, greift der passionierte Hobbymusiker Bachmann zur Gitarre, schickt einen Schüler ans Schlagzeug, eine Schülerin ans Mikrofon.
Auch jenseits des Musizierens organisiert Bachmann den Unterricht letztlich wie eine Jamsession. Man ist wie live dabei, lässt sich auf die Standpunkte, kleinen Wutausbrüche, auf die Witze, Gereiztheiten, Argumente ein, kann sich nicht auf die Position der Beobachtenden zurückziehen. Und warum sollte man auch?
Herr Bachmann und seine Klasse ist auch ein Film über die Geschichte des Industriestandortes Stadtallendorf. Zum Schulausflug geht es ins örtliche Dokumentations- und Informationszentrum. Anhand von Archivmaterial wird die Geschichte des Bauerndorfes veranschaulicht, das sich unter den Nazis in die größte Sprengstoffproduktionsanlage Europas verwandelte. Es waren Zwangsarbeiterinnen, KZ-Häftlinge, Kriegsgefangene aus den von Deutschland besetzten Ländern, die unter lebensgefährlichen Bedingungen die Bomben bauten. Nach dem Zweiten Weltkrieg ließen sich in den Fabrikanlagen die Eisengießerei Fritz Winter und der Schokoladenfabrikant Ferrero nieder. Später, in den Sechziger- und Siebzigerjahren, wurden für die Produktion Arbeiter aus Italien, Griechenland oder der Türkei geholt. Aufmerksam schauen Bachmanns Kinder einen Archivfilm über diese Zuwanderer, über die Männer, die kein Deutsch sprachen und unter sich blieben. Plötzlich gehen viele Finger hoch, fast alle möchten etwas zu der Geschichte beitragen.
Ferhan hat wieder einmal die Augen geschlossen, freut sich aber, bei der mehrtägigen Klassenfahrt dabei zu sein. Regina hört aufmerksam zu, nascht dabei vom Schokoriegel. Tims Wangen leuchten wieder wie Leuchtbojen, beim Breakdance zeigt er sich jedoch von seiner coolen Seite – inzwischen kennt man die liebenswerten Macken und Eigenheiten der Schülerinnen und Schüler, die den Rhythmus dieses wunderbaren Dokumentarfilms bestimmen.

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